Die Bewilligung

Du hast dich fürs Homeschooling nach reiflicher Ueberlegung entschieden. Du hast schon einen Haufen gelesen und 1000 Ideen im Kopf und jetzt soll die Sache konkret werden? Was musst du tun?

 

1. Herausfinden, ob dein Kanton zu denen gehört, in denen Homeschooling erlaubt oder zu mindest teilweise erlaubt ist (siehe pdf unten).

 

2. Auf die Seite der kantonalen Erziehungsdirektion gehen und den zuständigen Inspektor für deinen Schulkreis suchen, anrufen und das Formular für die Bewilligung verlangen.

 

3. Alles nötige für die Bewilligung zusammenstellen, abschicken, abwarten und Tee trinken.


4. Wenn du kein Lehrer/in bist, dann musst du dir einen/eine suchen, die dich in diesem Projekt begleitet (Kt. Bern!)

   (für andere Kantone siehe pdf)

 

5. Kind(er) von der Schule abmelden, sobald die Bewilligung eintrifft.

Wo ist Homeschooling erlaubt? (einzelne Kantone)
Privatunterricht-2009 Gesetzestext.pdf
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Es geht los!

Okeeeeey, jetzt hast du die Bewilliung in der Hand!

 

Also, erst Mal tief Luft holen und gaaaaaanz ruhig werden. Denn neben der Freude diesen Schritt getan zu haben, schlägt jetzt plötzlich die Welle der Verantwortung über deinem Kopf zusammen. Plötzlich wird dir schlagartig klar, dass du jetzt den Hebel in der Hand hälst. Auf einmal kannst du nicht mehr schlafen und wenn, dann träumst du von Inspektoren, Schulbüchern und Nachbarn, die dein Kind dumm anmachen.

Sollte die Sache jetzt nicht total entspannt sein, nachdem du den Druck von Seiten der Schule los bist?

 

Das kommt schon noch, aber erst Mal musst du durch den Tunnel, der da heisst: Verflixt-was-habe-ich-mir-da-aufgebürdet!

 

Da du wahrscheinlich auch kein Homeschooler bist und somit auch keine Erfahrung in dieser Art des Lernens hast, hast du zwar einen Haufen Ideen, was man da so alles machen könnte, aber leider sind deine Kinder, wenn sie schon ein Weilchen in der Schule waren, ziemlich misstrauisch gegenüber allem, dass auch nur im entferntesten mit Lernen zu tun hat.

 

Es fühlt sich ziemlich seltsam an, wenn du dich am Tag X (sprich der erste Tag eures neuen Lebens als Homeschooling-Familie) am Morgen mit deinen Kindern an den Esstisch setzt und sagst:"So, jetzt machen wir mal Mathe!"...... Und nur weil es euer Küchentisch ist, werden deine Kinder nicht vor Freude in die Hände klatschen und zu begeisterten Mathelernern. Vergiss es!

 

Weil es euer Küchentisch ist und sich dort sehr zu hause fühlen, werden sie wahrscheinlich den Kopf aufs Buch legen, gähnen und feststellen, dass sie jetzt aber so gar keine Lust haben blöde Matheaufgaben zu lösen. Beim ersten Mal lachst du noch und sagst:"Na gut, dann lesen wir was!". Beim zweiten Mal wirst du einen leichten Anflug von Panik bekommen und schon etwas strenger sagen:"Ja, aber wir müssen doch!". Deine Kinder werden dich anschauen und hinterhältigerweise verkünden, dass du schon wie die Lehrerin in der Schule klingst. Beim dritten Mal siehst du wahrscheinlich schon den Inspektor mit dem erhobenen Zeigefinger und fängst an zu schreien. Erfolg: keiner, aber das war ja eh klar.


Auch hier: gaaaaaanz ruhig! Das wird sich ändern, aber nicht schnell. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass unser Sohn nach 2 Jahren Kindergarten und 1,5 Jahren Schule geschlagene 2 Jahre gebraucht hat, um sein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber dem Lernen abzulegen. Weg ist es nicht, aber da er ja inzwischen auch älter geworden ist, versteht er, dass er seine Freiheit nur behalten kann, wenn er gewisse "Produkte" - sprich Geschriebenens und Gerechnetes auf Papier - abliefert. Aber zu meiner grossen Freude hat er tatsächlich eigene Projekte entwickelt und DAS fühlt sich gut an!


Du wirst dich immer wieder ertappen, wie du tolle Pläne machst, was man über dies und das lernen kann, um dann feststellen zu müssen, dass du wieder mal voll daneben gelegen hast und dein Kind nur erstaunt den Kopf schüttelt über so viel Dummheit deinerseits.


Auch wirst du dich ertappen, wie du, wenn dein Kind sagt: "duuuhu, Mama, wie ist das eigentlich mit den Vögeln? Wann machen die eigentlich das Nest und so?" innerlich aufschreist:"Juhu! Mein Kind interessiert sich von allein für etwas! Daraus müssen wir sofort ein Projekt machen!" Und kaum kommst du mit 20 Vöglebüchern, einer CD mit Vogelstimmen und einem Vogelexperten unter dem Arm nach hause, interessiert sich dein Kind nur noch für einen einzigen Vogel: nämlich deinen! Du bist wieder mal in die Falle getappt und hast aus einem interessanten Thema eine Schulstunde gemacht. Lass es! Bringt nix! Geh einfach aus dem Weg, dann passieren die interessanteren Dinge! Aber das braucht viel Vertrauen und woher soll man das als frischgebackener Homeschool-Elternteil einfach so nehmen?!


Hier hilft nur eins: Austausch mit anderen Gleichgesinnten. Zwar ist jede Familie anders in ihrem "nicht-in-die Schule-gehen", aber inspirieren lassen kann man sich ja immer. Drum: schau auf der Schweizer Karte hier, wer in deiner Gegend ist und fang an dich zu organisieren.


Ebenfalls hilfreich ist es immer weiter auf homepages von anderen Homeschoolern, Unschoolern, Freilernern,... zu lesen und sich selber zu stärken. Ein paar interessante links gibts hier.


Irgendwann kommt der Tag, an dem der Inspektor seinen Besuch angekündigt hat. In den meisten Fällen im Kanton Bern kommen und reden sie mit dir und deinen Kinder und schauen sich die "Produkte" eures Schuljahres an. Oft wird ein Termin sehr kurz nach dem Start gemacht, da der Inspektor ja feststellen muss, ob das was wird bei euch oder nicht. Nicht immer ist das so geregelt, aber sehr oft. Ich finde es nützlich eine möglichst gute Beziehung zum Inspektor zu haben, auch wenn er nicht auf der gleichen Welle reitet, was mitunter schon mal vorkommt. Mir hilft immer, dass ja auch für ihn oder sie im Vordergrund steht, dass dein Kind die Bildung bekommt, die ihm zusteht. Somit habt ihr minimal einen Strang, an dem ihr gemeinsam ziehen könnt.


Was nicht ausbleibt sind die Reaktionen in der unmittelbaren Umgebung. Sei es Familie oder Wohnumgebung. Ich persönlich habe überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht. Da ich aber nicht annehme, dass alle Leute in unserem Dorf, unsere Wahl brilliant finden, ist es sehr wahrscheinlich, dass mir die negativen Kommentare einfach nicht zu Ohren kommen. Macht nichts! Ich freu mich an den positiven und mache es mit meinem Leben, wie ich will.


Viel später und manchmal auch nicht so spät, wirst du auf jeden Fall von irgendeinem Medium, sei es Zeitung, online-Plattform oder Radio gefragt, ob man dich mal über deinen "speziellen Weg" befragen dürfe. Tja, das muss dann jeder mit sich selber abmachen, aber für mich steht immer das Wohl meines Kindes im Vordergrund und so habe ich bisher nur anonymisiert Auskunft gegeben.