Gegen den Strom schwimmen

Autor: Wüstenfuchs

Die letzten Wochen waren geprägt von intensiven Gesprächen mit den verschiedensten Leuten über die Themen Schulsystem, Lernen und Homeschooling. Fast wöchentlich erhalte ich Zuschriften über diese Seite von Menschen, die Infos brauchen, wie ein Start ins Homeschooling gelingen kann. In meinem Umfeld treffe ich immer mehr auf Menschen, die, genau wie ich, mit dem Schulsystem nicht einverstanden sind. Und wenn meine Wahrnehmung nicht total verfälscht ist durch die Beschäftigung mit diesem Thema, dann stelle ich erstaunt fest, dass die Zahl derer wächst, die andere Antworten suchen.

 

Die grösste Schwierigkeit bei der Umsetzung stellt oft nicht der bürokratische Teil dar, sondern besteht darin, den Mut zu finden, gegen den Strom zu schwimmen. Es ist ja nicht nur so, dass unsere Kinder heute dazu gebracht werden, sich anzupassen und den Vorgaben zu folgen, sondern es ist ja ebenso eine Tatsache, dass auch uns schon das gleiche abverlangt wurde. Wer brav ist und macht, was man ihm sagt, bekommt die Note 6 und wird gelobt. Wem das zu krass formuliert erscheint, hat wahrscheinlich noch keinen Kontakt mit den Erziehungsinstitutionen gehabt. Schon bei geringen Abweichungen von der "Norm" wird heute an den Kindern "rumgeschraubt", sprich: es wird abgeklärt, therapiert und gefördert dass die Kindergehirne rauchen und die Experten heisslaufen.


Sich dem zu entziehen oder gar entgegen zu stellen überfordert viele Eltern und stürzt sie bisweilen in tiefe Sinnkrisen. Ich habe mit nicht wenigen Müttern gesprochen, die mir erzählten, dass sie nach den Elterngesprächen mit Lehrkräften oder Kindergärtnerinnen, zutiefst schockiert wegen des "Urteils" über ihr Kind, zu glauben begannen, in der Erziehung total versagt zu haben. Viele fügen sich den vorgeschlagenen Massnahmen in der Hoffnung, dass es das Beste für ihr Kind sei.

 

Bei mir hat es erstmal auch diese Verwirrung ausgelöst, aber dann hat sich in mir der Widerspruch breit gemacht, weil es sich einfach nicht richtig angefühlt hat, dass mein Kind, Kinder überhaupt, auf diese Art und Weise beurteil, betrachtet werden. Als wären es normierbare Maschinen, bei denen man nur irgendein Schräubchen nachjustieren müsste und schon würde alles wieder wie geschmiert laufen. Als wäre im Leben jemals etwas nach Norm oder Plan gelaufen!

Als ich mir das klar gemacht hatte, kam die Wut hoch. Die Wut auf ein System, dass Kinder als zukünftige "Leistungserbringer" betrachtet, die auf die "Härte des Lebens" vorbereitet werden müssen und denen man nur früh genug die Freude austreiben muss, denn der "Ernst des Lebens" versteht keinen Spass. Vielleicht etwas spitz formuliert, aber ein sehr grosses Korn Wahrheit steckt auf jeden Fall drin.

 

Viele spüren diese Wut oder Empörung, aber die Angst überwiegt oft den Wunsch sich dem entgegen zu stellen. Oft ist es die Angst vor dem Urteil der "anderen". Meist sind es ganz konkret Menschen aus der eigenen Familie, die nicht mit der Entscheidung, das Kind aus der Schule zu nehmen oder es gar nicht erst dort hin zu schicken, einverstanden sind. Aber oft ist es auch eine diffuse Befürchtung von den Nachbarn komisch angeschaut zu werden oder das Opfer von Klatsch hinter dem eigenen Rücken zu werden.

 

Ich kann das gut verstehen. Denn wenn man einigermassen gut in sein Umfeld integriert ist, dann will man tunlichst vermeiden komisch aufzufallen . Aber wenn man genauer darüber nachdenkt, dann wird man zugeben müssen, dass das eigene Lebensglück eindeutig vor dem, wie auch immer gearteten, Urteil anderer steht. Sich eine eigene Meinung zu bilden und zu anderen Schlüssen zu kommen als das gesamte Umfeld, braucht sicher Mut und ist auch mit Sicherheit nicht der einfachste Weg, aber das Lebensgefühl, das daraus erwächst, ist ein ganz anderes, als wenn man einfach dem Plan X folgt.

Auch wenn man sich manchmal von der Last der Verantwortung fast erdrückt fühlt oder schwach, weil wieder irgendjemand einen blöden Kommentar vom Stapel gelassen hat, gibt es nichts, was den Genuss ein selbstbestimmtes Leben zu führen, toppen kann.

 

Ich finde, dass jeder das Recht hat über die bestehenden Institutionen und Werte nachzudenken und zu eigenen (anderen) Schlüssen zu kommen. Es müssen auch nicht meine Schlüsse sein. Wichtig ist, dass es auf dem eigenen Mist gewachsen ist und man dahinter stehen kann. Dann lassen sich schwierige Begegnungen viel leichter durchstehen und Kritik am eigenen Handeln kann man dann viel leichter einfach so stehen lassen ohne grosse Rechtfertigungen oder gar Entschuldigungen.

 

Gegen den Strom zu schwimmen ist sicher nicht der leichteste Weg, aber die eigene Meinung zu vertreten gibt mir das gute Gefühl, weniger manipulierbar zu sein.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Schneehase (Dienstag, 25 Februar 2014 03:52)

    Da sprichst du mir aus dem herzen, Danke!

  • #2

    Wüstenfuchs (Dienstag, 25 Februar 2014 11:08)

    ;-)
    bis bald!