Die Sinnfrage 2

Autor: Wüstenfuchs

Was aber, wenn für dein Kind nicht die richtigen Dinge sinnvoll sind?

 

Was, wenn es sich nicht für die Grundlagen interessiert, die jeder Mensch haben muss, um in dieser Welt durchzukommen?

 

Das Leben ist doch kein Wunschkonzert! Gewisse Dinge muss man einfach lernen, ob man das jetzt als sinnvoll oder nicht erachtet!

 

So oder so ähnlich waren einige Kommentare auf meinen letzten post. Das möchte ich natürlich nicht unbeantwortet lassen.

 

Als erstes möchte ich festhalten, dass mir diese Ueberlegungen überhaupt nicht fremd sind. Ich habe das alles auch schon gedacht, habe mir die gleichen Fragen gestellt.

 

Wenn man bedenkt, dass die meisten von uns wahrscheinlich keine Erfahrung haben in freiem, selbstmotiviertem Lernen - eher wohl im Gegenteil - dann ist das so, als müssten wir uns ein Urteil darüber bilden, ob ein Weltraumspaziergang gefährlich ist oder nicht. Und natürlich sind wir in irgendeiner Ecke unseres Bewusstseins davon überzeugt, dass es nur so geht, wie wir es selber gemacht haben, denn schliesslich hat das ja funktioniert....irgenwie.... mehr oder weniger.

 

Aber um auf die Sinnfrage zurückzukommen, möchte ich ein konkretes Beispiel von Füchschen heranziehen. Füchschen ist musikalisch. Das sieht man, wenn er Musik hört. Dann tanzt er, hat die Melodie schnell im Ohr (und nach Monaten immer noch drin) und alles, was mit Musik kommt "frisst" sich in seinen Kopf, so dass er es nicht mehr los wird. Aber der Musikunterricht in der Schule langweilte ihn zu Tode, fand er doof. Sprich: sinnlos. Daraus zu schlussfolgern man könne Musik bei Füchschen getrost sein lassen, finde ich falsch und kann ich auch gar nicht, da ich mich ja an den Berner Lehrplan halten muss und da steht nun mal "Musik" drauf.

 

Ich habe mir das Unterrichtsmaterial angesehen und muss zugeben, dass ich es auch todlangweilig, doof und sinnlos finde. Unsere Antwort darauf war nicht Musikunterricht über Musik zu machen, sondern Musik zu machen.

Füchschen musste gar nicht lange überlegen, welches Instrument er gerne spielen würde: Klavier (noch grösser wäre wahrscheinlich nur noch eine Orgel gewesen, aber das ist ein anderes Thema...). Also haben wir nach einer Lehrerin gesucht, er hat sie ausgesucht, sie hat uns dazu geraten ein Klavier anzuschaffen, da er ja sonst nicht üben kann. Also haben wir in einer spannenden Online-Aktion um ein elektronisches Piano geboten, bei dem er bis 23.00 nachts mitgefiebert hat. Dann sind wir das Monster in Luzern holen gegangen und haben dem Vorbesitzer dafür Geld in die Hand gedrückt.

 

Jetzt hat Füchschen also Klavierunterricht und das macht viel mehr Sinn. Füchschen hat bei diesem ganzen Prozess gelernt, dass

... er Musikunterricht haben muss, weil das so im Lehrplan steht, man dies aber auf verschiedene Weise erfüllen kann.

... dass Musik machen viel interessanter ist als theoretisch über Takte, Tonhöhen, etc. zu lernen.

... dass sein freier Wille zählt, wenn es darum geht wie man eine Vorgabe erfüllt.

... dass es Anstregung, Geld und Geduld braucht, um genau das zu erreichen, das man sich vorgestellt hat.

(der ganze Porzess hat nämlich gute 4 Monate gebraucht, da er auf den Beginn eines neuen Schuljahres warten musste)

... dass etwas an Wert gewinnt, wenn man sich dafür anstrengen musste.

 

Wie ich in meinem letzten post geschrieben habe, kann man niemandem Inhalte in den Kopf stopfen, die dieser nicht lernen will. Aber ich habe auch geschrieben, dass nur Inhalte, die aus Interesse und mit Begeisterung gelernt werden, tatsächlich gelernt sind. Daraus folgt, dass man zwar niemanden zum Lernen zwingen kann, aber man kann begeistern (aber natürlich nur, wenn man es selber ist).

Für mich ist das der Schlüssel, wenn es mal nicht klappt mit dem Lernen. Ich probiere so lange herum bis ich einen Zugang finde, der auch ihm zusagt (1x1 haben wir fast ausschliesslich beim Ballspielen oder auf der Schaukel gelernt) oder ich lasse ihm totale Wahlfreiheit des Themas z.B. in NMM (=NaturMenschMitwelt) und da der Lehrplan dort sehr breit gefasst ist, hat er mit seinen Themen noch nie "daneben" getroffen.

 

Aber um auf den Anfang zurückzukommen: ich verstehe all diese Zweifel und Fragen. Sie überfallen mich auch immer wieder. Es ist nicht einfach, den Glauben an das Potential des eigenen Kindes - der Menschen überhaupt - und die Fähigkeit zu selbstgesteuertem Lernen nicht zu verlieren, wenn wieder mal nur gamen und Langeweile auf dem Programm stehen.

 

Die einen saufen sich Mut an, ich lese in mir an. Zum Beispiel auf Seiten wie dieser hier:

http://kraetzae.de/schule/sudbury/einfuehrung/#ii

Hier wird das Konzept der Sudbury-Schulen in Form eines Frage-Antwort-Spiels erläutert. Sehr ermutigend!