Die Sinnfrage

Autor: Wüstenfuchs

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für die einen ein rotes Tuch und für die anderen das Lebenselexier. Den einen erscheint sie zu esoterisch, den anderen ist sie tagelange Retreats wert. Ich denke, dass man ihr auf keinen Fall entgehen kann oder anders gesagt: keine Antwort ist auch eine.

 

Je länger ich mich mit dem Thema Lernen beschäftige, um so klarer wird mir, dass dieses ganz grundlegend mit der Frage nach dem Sinn verknüpft ist.

 

Füchschen lernt Dinge, die für ihn Sinn machen (wie im Moment z.B. Dinge über Dinosaurier), sehr schnell und ist gegenüber Dinge, die für ihn keinen Sinn machen (wie z.B. deutsche Rechtschreibung), sozusagen lernresistent. Natürlich versteht er, dass ein Brief, den er später mal schreiben muss, nicht vom Empfänger verstanden wird, wenn er kreuzfalsch und in Fantasiegrammatik geschrieben ist. Da er aber im Moment keinen Brief schreiben will, ist ihm Lesbarkeit und Verständlichkeit egal. Er weiss ja, was er geschrieben hat.

 

Was das alles mit dem Sinn zu tun hat?

Ganz einfach: sobald ein Mensch in seinem Tun / Lernen Sinn erkennen kann, fällt es ihm leichter, strengt er sich an und nimmt er sogar Schwierigkeiten auf sich, die er sonst nie in Angriff nehmen würde. Oder anders gesagt: er schöpft sein Potential voll aus.

 

Dummerweise ist es so, dass man nichts sinnhaft machen kann, was einem anderen nicht als sinnvoll erscheint. Man kann niemanden dazu zwingen etwas als sinnvoll anzusehen und somit kann man auch niemanden zu echtem (intrinsischen) Lernen bringen. Man kann niemanden Inhalte in den Kopf stopfen, wenn der das nicht will. Und das ist gut so. Das macht uns zu den Individuen, die wir zu sein wünschen.

Nur genügend Raum und Freiheit ermöglicht es, zu erkunden, was für jeden Einzelnen Sinn macht.

 

Leider kollidiert diese Sichtweise frontal mit dem Schulsystem und die ganze Misere kommt zum Vorschein, wenn es, wie bei Füchschens grossem Bruder, um die Berufswahl geht. 8 Jahre lang haben die Schüler gelernt, dass es keine Rolle spielt, was ihnen gefällt oder was sie interessiert. Man hat ihnen beigebracht die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen und die Pensen, die für sie vorgesehen waren, abzuarbeiten. Und dann plötzlich tritt man auf sie zu und fragt sie, was sie mal "werden wollen". Den wenigsten ist es bis dahin gelungen eine "Leidenschaft" zu entdecken und sie entscheiden sich reflexartig für "sichere" Lösungen. Oder wie es ein Jugendlicher formulierte: "Irgendwas, so dass ich wenigstens mal was in der Tasche habe."

 

Schade, denke ich. Wenn man den Kindern die Gelegenheit gegeben hätte, ihre Interessen ernsthaft zu erkunden, dann wäre diese Frage nach dem zukünftigen Beruf etwas Begeisterndes. Stell dir vor, du hast noch alle Türen offen und kannst abwägen, was deinen Neigungen, Begabungen und Interessen am nächsten kommt!

 

Wenn ich Füchschen oder noch kleinere Kinder beobachte, dann erkenne ich, dass diese kleinen Menschen nichts mehr frustriert, als wenn man sie in, für sie sinnvollen Beschäftigungen, unterbricht, weil sie "stören", "nicht angebracht" sind oder dafür "keine Zeit" ist. Es ist nicht leicht dem freien Willen eines Menschen Raum zu geben, aber ich glaube, dass die Anstrengung lohnt, da meiner Beobachtung nach, Menschen, die ihren Interessen, ihrem freien Willen und ihrem Sinn nachgehen können, mehr in sich selber ruhen als solche, deren Wahlfreiheit immer dem Aspekt "Sicherheit" unterworfen ist.

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Kommentare: 4
  • #1

    Andrea Gierer (Donnerstag, 17 Oktober 2013 14:52)

    Gratuliere zu diesem sehr gelungenen Artikel! Ich würde ihn gerne zu unserer montessori Schulzeitung weiterschicken, wenn dir das recht ist...lg a

  • #2

    Wüstenfuchs (Donnerstag, 17 Oktober 2013 16:29)

    Merci für die Blumen! Und du kannst ihn gerne weiterschicken.

  • #3

    Bernice (Samstag, 19 Oktober 2013 12:12)

    Danke für diese Überlegunen! Jugendliche geraten öfters in Sinnkrisen. Ein Grund kann sein, da in den Schulen nur Leistung gefragt ist. Selten wird über das Leben nachgedacht und geredet. Warum sind wir hier? Wer bin ich? Für was lebe ich? Und für was lohnt es sich einzusetzen? Ich glaube dass bei Homeschooler diese Fragen mehr präsent sind. Den Familien die eine solche Bildung wählen, sind Familienwerte wichtig: Zusammensein, Freude teilen usw. Eine 18-jährige ehemalige Unschoolerin sagt: "Grundlage von allem, denke ich, ist der Glaube." (Das Video und der Text dazu habe ich in meinem letzten Blogpost veröffentlicht.)

  • #4

    Wüstenfuchs (Samstag, 19 Oktober 2013 22:13)

    Hallo Berenice,
    Ich schmökere auch gerne in deinem Blog und kann ihn an dieser Stelle nur empfehlen http://bernicezieba.blogspot.ch/
    Ich denke auch, dass schon die Wahl dieser Lernform, ein Interesse an der Sinnfrage voraussetzt. Für mich spielt der Glauben keine Rolle, aber es liegt auf der Hand, dass bei einem ernsthaft gläubigen Menschen die Frage nach dem Sinn ein zentrales Thema ist.
    Für mich ist die Beziehung zu meinem Sohn einer der wichtigsten Gründe gewesen diese Bildungsform zu wählen. Als er noch in die Schule ging, hatte ich immer das Gefühl, dass sich diese ungefragt dazwischen drängt und Werte, die mir wichtig sind, unterminierte.