Schubladisierungen

Autor: Wüstenfuchs

Der Titel unserer Webseite "Freilerner" scheint zu Schubladisierung einzuladen. Im deutschen Sprachraum wird dieser Begriff häufig für diejenigen verwendet, die ihre Kinder komplett unstrukturiert lernen lassen. Im Englischen wird diese Art des Lernens auch "Unschooling" genannt. Wobei diese beiden Begriffe bei genauerer Betrachtung doch wieder nicht so eindeutig sind, wie man denken könnte.

Es gibt Freilerner, die einem Lehrplan unterworfen sind, dessen Einhaltung jedes Jahr extern geprüft wird. Somit ist die Freiheit im Lernen nur noch teilweise erhalten, da bestimmte Themen zu bestimmten Zeiten erarbeitet und überprüfbar sein müssen. Im Gegensatz zu den Ländern / Regionen, in denen die Eltern weitgehend freie Hand haben und die Kinder erst nach Jahren überprüft werden. Hier ist der Weg zum Ziel schon viel weniger vorgegeben und Themen und Vertiefungen können auftauchen, wie es der Rhythmus des Kindes es vorgibt.

Homeschooling dagegen ist sehr strukturiert und meint im wesentlichen "die Schule am Küchentisch" mit Zeitplänen, Fächern und oft sogar Tests.

Zu meinem Erstaunen habe ich festgestellt, dass in der Homeschooling / Unschooling-Szene, wie im Rest der Gesellschaft, ein starker Drang zum Schubladisieren herrscht. Wer sich als "Freilerner" bezeichnet passt nicht zu den Homeschoolern und andersrum.

Ausserdem gibt es noch die religiös-Motivierten und solche, die es nicht sind. Also gibt es religöse Homeschooler, nicht-religöse Homeschooler, religöse Freilerner und nicht-religöse Freilerner. Alles klar?

Aber so klar ist es bei weitem nicht. Wir sind ein gutes Beispiel dafür. Ich habe den Titel "Freilerner" gewählt, weil ich es dämlich finde jede Tätigkeit mit einem Englischen -ing-Wort zu bezeichnen (Paragliding, Canyoning, Walking, Base Jumping..... am Ende etwa auch: in-der-Nase-bohring?) und aus der Uebersetzung von Homeschooling = Bildung zu hause eine Bezeichnung zu konstruieren erscheint etwas lächerlich (ein Bildungzuhausler, ein zu-hause-Bilder, ein Heimschuler?)

Im Wort "Freilerner" steckt die Freiheit, die mir so besonders an unserer Art des Lernens gefällt. Wir müssen zwar dem Lehrplan folgen, aber dennoch können wir Haken schlagen, weit nach vorne hüpfen und wieder auf etwas zurückkommen, das schon lange fertig schien. In Mathe und Deutsch muss ich weitgehend strukturiert vorgehen, was beim Füchschen nicht immer auf Gegenliebe stösst. Somit ist die Freiheit bei uns oft auch eingeschränkt, aber schon viel grösser, als in einer Klasse.

Ja, und religiös-motivert sind wir nicht. Ich würde mich sogar eher als Atheisten bezeichen, wobei ich da manchmal auch nicht so konsequent bin. Somit wären wir mehr-oder-weniger-atheistische, homeschoolende Freilerner....

 

Nachtrag:

Da ist nämlich noch so ein Punkt, der mich am Ausdruck "Homeschooling" stört: als würde das Lernen einzig und allein zu hause stattfinden. Das Gegenteil ist wahr: wir lernen auf der Schaukel auf dem Spielplatz Einmaleins, fahren mit den Trottis durchs Dorf und studieren die Verkehrsschilder und zeichnen eine Karte vom Dorf, wir besichtigen eine Saline, um nur ein paar Dinge zu nennen. Kurz gesagt: das Lernen findet überall statt, nur nicht in der Schule

Also sind wir, seit es das schöne Wetter doch noch in die Schweiz geschafft hat, mehr-oder-weniger-atheistische home- und outdoorschoolende Freilerner..... und spätestens hier wird die Schubladisierung, die keine mehr ist, vollends absurd.

Jede Familie, die ausserhalb der Schule lernt, hat ihren eigenen Stil, der genau so einzigartig ist, wie jeder Mensch, der auf dieser Erde wandelt. Und genau das ist der Sinn und Zweck des individuellen Lernens.

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Dievommond (Freitag, 26 April 2013 17:25)

    Was ich mich die ganze Zeit frage: Wie schaffst Du denn dieses Pensum? Ich dachte immer, die Schule ist in erster Linie ein Aufbewahrungsort fuer Kinder, damit die Eltern Zeit haben zu arbeiten. Ich stelle mir das sehr anstrengend fuer alle Beteiligten vor, wenn die Kinder nicht nur zu Hause sind, sondern auch noch von den Eltern unterrichtet werden muessen. Und zwar unter dem Motto: "Mutter ist gebucht fuer Jahre...." Und dann diese Verantwortung und diese Vorwuerfe, falls es nicht so laeuft mit den Kontroll Pruefungen! Fuer mich waere das ein Alptraum. Da sollen sich die Kinder lieber mal zusammen nehmen und die Schule aushalten....schliesslich muessen sie ja auch irgendwann mal in dieser Gesellschaft einen Arbeitsplatz finden. Und zumindest dafuer ist die Schule eine gute Uebung. liebe Gruesse aus Shanghai!

  • #2

    Wüstenfuchs (Samstag, 27 April 2013 18:54)

    Meine liebe Shanghaier Mondfrau ;-),
    das ist alles gar nicht so wild! Klar ist es praktisch die Kinder am Vormittag in die Schule zu schicken und dann alles zu erledigen, was so anfällt. Als Selbstständige war es tatsächlich sehr hilfreich, als er noch in die Schule gegangen ist. Aber da muss man sich halt entscheiden: wenn das Leiden in der Schule zu gross wird (und das war es), dann muss man handeln. Jetzt habe ich meinen Alltag halt umorganisiert. Ich mache z.B. meine Büroarbeit am Nachmittag, wenn Füchschen seine Freunde trifft. Aber natürlich ist es schon so, dass mein Pensum, das ich schaffe, jetzt kleiner ist als vorher. Meistens zeigt sich das im Haushalt, aber da bin ich sowieso nicht so pingelig.
    Das ständige Zusammensein mit unserem Sohn habe ich absurderweise als viel anstrengender empfunden, als er noch in der Schule war. Nach den Ferien war ich, wie die meisten Mütter, immer froh, dass die Schule wieder los ging. Jetzt ist das anders. Woran das liegt, kann ich dir gar nicht sagen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass durch die ganzen Ueberlegungen, die vor dem Entschluss Homeschooling zu betreiben, standen, ich auch meinen Erziehungsstil hinterfragt habe. "Erziehen" hat oft etwas mit Erwartungen zu tun. Du erwartest, dass sich dein Kind so oder so verhält, dass es sich jetzt endlich für eine bestimmte Sportart oder ein Musikinstrument interessiert, dass es gut ist in der Schule, weil du es selber auch gewesen bist, etc. Und gemäss dieser Erwartungen, versuchst du (bewusst oder unbewusst) dein Kind in diese Richtung zu ziehen, eben zu "erziehen". Wenn man aber beginnt, über einen anderen Ansatz nachzudenken, wie z.B. intrinsisches Lernen vs. extrinsische Motivation, dann kommt man automatisch darauf, dass man die Erwartungen besser sein lässt und genau hinschaut, was das Kind will.
    Oder anders gesagt: wahrscheinlich habe ich mich verändert und sehe mich jetzt in einer anderen Rolle, der des "Entfaltungscoaches". Vielleicht bin nur ich entspannter und an Füchschen hat sich nicht viel geändert?!
    Was die Angst vor dem Versagen betrifft, kann ich dir nur sagen, dass ich die manchmal auch habe. Aber meine Erfahrung sagt mir, dass man die Möglichkeit des Versagens in Kauf nehmen muss, wenn man Erfolg haben möchte. Und in unserem Fall, hätte nur ich versagt, denn Füchschen würde in diesem Fall halt einfach wieder in seine alte Klasse gehen.
    Im Moment habe ich aber nicht das Gefühl, dass wir bei der anstehenden Ueberprüfung versagen werden, da ich ja durch Füchschens Freunde auch immer einen ganz guten Vergleich habe, wo sie stehen und wo wir sind. Ich denke mal, dass wir ganz gut drin sind.
    Und was das Zusammennehmen und sich an die Anforderungen der Gesellschaft anpassen betrifft, um später mal einen Arbeitsplatz zu finden, hier bin ich der Meinung, dass das nicht schon mit 8 Jahren geübt werden muss, sondern im Teenageralter konkret in Berufspraktikas geübt werden kann. Homeschooler haben die geniale Möglichkeit schon sehr früh mit solchen Praktikas anzufangen, da sie über ihre Zeit frei verfügen. Die Erfahrung zeigt, dass Homeschooler sich gut integrieren, da sie es gewohnt sind sich in altersdurchmischten Gruppen zu bewegen (wie das ja in den meisten Betrieben der Fall ist). Ganz im Gegensatz zu Schülern, die sich meistens in Gleichaltrigen-Gruppen bewegen.
    Aber das werden wir sehen. Im Moment denken wir von Jahr zu Jahr und versuchen die besten Antworten zu geben, die wir finden.

  • #3

    Franziska (Donnerstag, 19 September 2013 16:39)

    Hallo Wüstenfuchs!
    Dieser tollen Antwort kann ich nur beipflichten! Wir haben das ganz ähnlich erlebt.
    Warum sich Sorgen um das Morgen machen? Der Weg, mit dem Kind zu Hause zu lernen lohnt sich!
    Zwei unserer 3 Jungs sind bereits in der Berufslehre und es geht ihnen - Gott sei Dank - gut!
    Alles Gute und liebe Grüsse!