".....man kann dieses System nicht ändern!"

Autor: Wüstenfuchs

Diesen Satz höre ich oft, wenn ich darlege, dass ich nicht mit dem Schul- und Gesellschaftssystem zufrieden bin und deswegen einen anderen Weg suche.

Ich finde diese Feststellung unsinnig. Sie ist meiner Meinung nach auf der einen Seite schlicht falsch und auf der anderen Seite unterstellt sie, dass dies meine Absicht sei.

Aber worum geht es hier wirklich? In erster Linie, denke ich, dass dieser Satz die Hilflosigkeit ausdrückt, die gegenüber einer übermächtigen Gesellschaft empfunden wird. Sie dringt in jeden Winkel mit ihren Werten und Bewertungen ein. Es ist schwer dem zu entfliehen. Das empfinde ich auch so.

Wenn wir bei der Kindererziehung und –bildung bleiben, dann stelle ich fest, dass ich im täglichen Kampf gegen den Konsumwahn stehe. Über Fernsehwerbung und prallgefüllte Regale in der Spielzeugabteilung wird den Kindern (und Erwachsenen) suggeriert, dass das Glück zum Greifen nah sei…..man müsse nur dies oder das besitzen. Sich dem zu entziehen ist enorm schwer.

Man kann dagegenhalten, dass dann halt das gelebte Vorbild der Eltern ausschlaggebend sei. Das scheint nicht so zu sein. Denn in unserer Familie spielen weder neue Kleider noch neuste Elektronik oder tolle Autos eine Rolle. Der „Schlaue Hund“ (mein Mann) „konsumiert“ lediglich hin und wieder Modellflugzeuge und ich selber Material zum Malen. Der Rest ist zweckmässig oder selbergemacht. Dennoch kann ich an Füchschen deutlich beobachten, dass der Kauf- und Konsumzwang ihn beherrscht. Kaum besitzt er das Spielzeug, das er unbedingt haben musste, verliert es unmittelbar danach seine Attraktivität und eine neue Begehrlichkeit ersetzt den frei gewordenen Platz. Es bricht mir das Herz, ihn auf solchen Abwegen zu beobachten und ich fühle mich hilflos einem ungleichen Kampf ausgeliefert.

Insofern teile ich die Empfindung der Hilflosigkeit gegenüber diesem Gesellschaftssystem, das natürlich auch die Schule mit einschliesst. Aber folgt daraus, dass man das nicht ändern kann?

Kommt darauf an wie man es betrachtet. Wenn man sich als Kleinteil in einem grossen Räderwerk wahrnimmt, dann scheint die Lage hoffnungslos. Aber wenn man erkennt, dass man trotz allem die Wahl hat, dann eröffnen sich neue Horizonte. Im Minimum bleibt mir immer die Wahl Dinge NICHT zu tun. Ich muss nichts kaufen, wenn ich nicht will. Ich muss meinem Kind nicht die neueste Game-Konsole kaufen. Ich muss es nicht in die Kleidermarken stecken, die gerade in sind. Ich muss kein Smartphone haben, denn mein altes Teil funktioniert ja noch. Und ich muss mein Kind nicht zur Schule schicken, denn in der Schweiz haben wir selbst in diesem Thema die Wahl. Und mehr als Dinge nicht zu tun, hat jeder die Möglichkeit individuelle Wege zu finden, die sich nicht am vorgegebenen „Geburt-Kindergarten-Ausbildung-Rente“ orientieren.

Wenn ich an diesem Punkt meiner Ueberlegungen angekommen bin, folgt meistens der zweite Killersatz, der zum obenzitierten wie eine Zwillingsschwester gehört: „aber man muss sich ans System anpassen, sonst kommt man nicht weiter.“ Ich unterstelle, dass es sich genau umgedreht verhält!

Mit "man muss sich anpassen" ist meistens gemeint, man solle dem gewohnten Weg der "Zettel" folgen.

„Zettel“ haben in unserer Welt einen hohen Stellenwert. Zettel wie ein Maturzeugnis, Zettel wie eine Bestätigung über eine Zusatzqualifikation, Zettel wie das Diplom an der Wand im Warteraum des Arztes. Sie scheinen der Schlüssel zum Erfolg und damit zum Glück zu sein. Wer genauer hinsieht in seiner Umgebung, kann feststellen, dass dem nicht so ist. Jeder kennt mindestens einen 30-40jährigen, der sich in der Zweit- oder gar Drittausbildung befindet und hofft, dass sich mit dem Erwerb dieses Diploms dann doch die Zufriedenheit einstellt, die jeder von uns anstrebt. Auf dem Weg dahin klagen dieselben Menschen, wie anstrengend doch diese Ausbildung sei und was für nutzlosen Mist man lernen müsse. Wäre es nicht besser, seine Zeit mit dem zu füllen, das man wirklich gerne tut? Aber nein: „man muss sich halt anpassen, sonst hat man keinen Erfolg“. Tatsächlich?

Ich glaube, dass jeder individuell gewählte Weg, der den wirklichen Interessen entspricht dem Glück und dem Erfolg viel zuträglicher ist, als das gehorsame Abspulen scheinbar vorgegebener Lebenswege.

Und um auf den ursprünglichen Satz am Anfang zurück zu kommen: Ich denke sehr wohl, dass dieses System veränderbar ist (das war es immer). Aber es wird sich nicht verändern, wenn jeder den vorgespurten Pfaden folgt oder um es mit Andre Stern zu sagen: „Wer seine Ueberzeugungen respektiert, in vollem Bewusstsein eigene Entscheidungen trifft, seine Einzigartigkeit achtet und die eigene Zukunft selbst in die Hand nimmt, trägt implizit mehr zum Fortschritt der Welt und der Entstehung neuer Paradigmen bei…“ („…und ich war nie in der Schule“, S. 182).

Kommentar schreiben

Kommentare: 8
  • #1

    Julia (Sonntag, 03 Februar 2013 15:50)

    sehr gut geschrieben! Ein Ja von mir aus tiefstem Herzen!

  • #2

    Wüstenfuchs (Sonntag, 03 Februar 2013 20:46)

    Merci! ;-)

  • #3

    Karla (Freitag, 19 April 2013 09:25)

    ".... man kann dieses System nicht ändern." Genauso wie Sie, glaube ich nicht daran, dass dieser Satz stimmt. Ich frage mich indessen, ob es der richtige Weg ist, sich einem unliebsamen System zu entziehen, um dieses zu ändern. Müsste man nicht vielmehr als integrierter Bestandteil davon von innen heraus bemüht sein, es zu ändern? Dass dieser Weg ein anstrengender ist, dürfte unbestritten sein. Wenn man sich aber als Bestandteil der Gesellschaft versteht, müsste es meiner Ansicht nach der Richtige sein.

    Und damit sind wir auch gleich beim zweiten von Ihnen genannten "Killersatz": „... aber man muss sich ans System anpassen, sonst kommt man nicht weiter.“ Ich bin tatsächlich der Ansicht, dass man sich bis zu einem gewissen Masse an ein System anpassen sollte, zumal wir alle Teil der Gesellschaft sind. Wer Änderungen anstrebt, kann dies - wie ich eben glaube - nur von innen heraus nachhaltig tun. Dazu ist aber eine gewisse Integration ins System vorausgesetzt. Wenn der Satz so zu interpretieren ist, dann stimme ich seiner Richtigkeit zu.

    Dies meine Überlegungen zu den Ihrigen.

    Beste Grüsse, Karla

  • #4

    Wüstenfuchs (Freitag, 19 April 2013 20:03)

    Liebe Karla,
    vielen Dank für Ihren Kommentar! Vor oder am Anfang meiner Erfahrungen mit dem Schulsystem hätte ich Ihnen wahrscheinlich zugestimmt und ich bin in diesem Sinne auch nicht untätig gewesen. Sprich: ich habe mich aktiv darum bemüht, etwas zu verändern oder zumindest zu verbessern. Leider muss ich gestehen, dass ich da nur auf Granit gebissen habe und man mir sogar von Schulleiterseite beschied, dass meine Meinung nicht gefragt sei, sondern nur meine Kenntnisnahme der Tatsachen....

    Irgendwann ist meinem Sohn das Ganze zu viel geworden und die Entscheidung hat sich aufgedrängt.

    Und wenn man es genau betrachtet sind wir ja nur ausserhalb des Schulsystems. Innerhalb des Gesellschaftssystems sind wir ja immer noch. Und insofern kann man sagen, dass wir versuchen ausserhalb des einen und innerhalb des anderen System etwas an beiden zu ändern.
    Somit passen wir uns ein Stückweit an und machen aber trotzdem unseren Weg.

    Da sowohl mein Sohn, wie auch ich selber, recht gut ins Dorfleben integriert sind, hat unsere Lebensstiländerung schon einige Diskussionen in Gang gesetzt. Und dass etwas zum Thema in einer Gemeindschaft wird ist ja immer der Anfang von Veränderungen. Denke ich.

  • #5

    Sikantis (Samstag, 20 April 2013 02:51)

    Genau diese Einwände hatten mein Neffe und ich auch hören müssen, als wir unsere Idee der Wertschätzungsgesellschaft entwickelt und veröffentlicht hatten. Mein Neffe hat die Schule auch verlassen, aus genau denselben Gründen. Und es stimmt, WIR sind die Gesellschaft, wir machen sie, wir verändern sie. Es ist nicht etwas uns künstlich von aussen aufgesetztes. Mit vielen kleinen Schritten, mit Aktionen wie homeschooling sind Änderungen auf der grossen Bühne der Gesellschaft möglich. Gratuliere zum Mut und ich freue mich für das Kind.

  • #6

    Wüstenfuchs (Samstag, 20 April 2013 07:21)

    Hallo Sikantis,
    es freut mich von euch zu hören! Ich glaube auch, dass viele kleine Schritte durchaus grosse Veränderungen bewirken können!

  • #7

    Stephan (Samstag, 28 Februar 2015 16:57)

    Hmm, das mit der Konsumkritik ist so eine Sache, ich lese, dass die Fuchsfamilie es nicht so mit dem Konsum hat. Schön.
    Ich lese allerdings auch von Ausflügen, vom Tauchen, von Hunden, von Autos.
    Ich lese von einem Kind, welches extrem individuell gefördert wird, ich denke, da ist ziemlich Bildung und auch genug Geld angehäuft.
    Ich finde den Konsum der anderen auch schlechter als mein eigener. Liebe Grüsse, von einem, der gerne Konsumiert, von vielen als Konsumverweigerer angeguckt wird, der keinen Abschluss hat, aber viele Weiterbildungen hat, der das Gymnasium abgebrochen hat und inzwischen Studenten ausbildet.
    Warum kann man die Schule nicht einfach nach der obligatorischen Schulpflicht verlassen? Hab es auch so gemacht.

  • #8

    Wüstenfuchs (Samstag, 28 Februar 2015 17:20)

    Die Antwort auf die letzte Frage ist ganz einfach: weil der Kleine es in der 2. Klasse nicht mehr ausgehalten hat und auch keine "Hauruck-Motivation" mehr gewirkt hat. Von der Mitte der zweiten Klasse bis zum Ende der Schulpflicht ist ein weiter Weg und den wollten wir nicht mit schlechten Vorzeichen gehen. Jetzt, nach 2 Jahren Homeschooling, bin ich sehr froh über diese Entscheidung.