Sozialisierung von Kindern durch Kinder- ein moderner Mythos?

Autor: Wüstenfuchs

Du nimmst dein Kind aus der Schule und was ist dann, bitte schön, mit der Sozialisierung?

Das scheint die erste Frage zu sein, die den meisten bei diesem Thema in den Sinn kommt. Zugegebenermassen war das auch meine erste Frage.

Diese Frage geht davon aus, dass die Kinder einerseits immer schon in Gruppen von Kindern sozialisiert wurden und dass das andererseits gut so ist.

Wenn man allerdings anfängt genauer darüber nachzudenken, dann erkennt man, dass die Volksschule, so wie wir sie kennen, erst seit vielleicht gut 200 Jahren in dieser Form existiert. Davor gab es für die meisten einfach nur das Leben und die anderen (älteren) Menschen, die sie die wichtigsten Dinge fürs Ueberleben lehrten, indem sie es vormachten. Und es gab für die Reicheren Hauslehrer, die Einzelne oder ein paar Geschwister gemeinsam zu Hause schulten - also homeschooling. Kurz gesagt, diese Form der Sozialisierung unter Gleichaltrigen ist ziemlich neu, wenn man die Menschheitsgeschichte als Massstab nimmt.

Sozialisierung unter Kindern ist also neu, was ja nicht heisst, dass es schlecht ist.

Also: ist diese neue Form einfach nur neu oder ist sogar gut? Theoretisch klingt die Idee sehr einnehmend. Wenn man Kinder miteinander spielen sieht, dann wirkt das richtig und gut.

In der Praxis aber sieht die Sache dann doch anders aus. In Schulen stehen Kinder durch Noten in Konkurrenz zu einander. Schlechtere werden gnadenlos ausgelacht oder runtergemacht. Auf dem Pausenhof herrscht eine Mobbing"kultur", dass einem die Haare zu Berge stehen.

Füchschen zum Beispiel traut sich im Moment nicht die Haare schneiden zu lassen, weil ihm sonst auf dem Pausenhof ein "Aecke-datsch" (Nacken-Klatscher) droht. Das heisst: einer von den grösseren Jungs haut ihm mit der flachen Hand mit voller Wucht auf den frisch geschorenen Nacken.  Lieber lässt er die Haare wachsen und nimmt in Kauf als "Mädchen" (was selbverständlich ein Schimpfwort ist!) verlacht zu werden.

Wer die falschen Kleider anhat wird ausgelacht, ebenso der, dem ein Missgeschick passiert.

Wer bei sportlichen Wettbewerben nicht mitmachen will, wird als Angsthase bezeichnet und Loyalität mit dem Freund oder Verständnis sind Tugenden, die man lange suchen kann.

Am besten angesehen ist der, der die grösste Klappe hat und nicht zimperlich ist, wenn es um Körpereinsatz geht.

Da all diese Dinge mehr oder weniger im Vorborgenen blühen, haben die Lehrer kaum eine Chance einzugreifen. Keiner von den Grösseren oder Stärkeren ist so dumm sich erwischen zu lassen. Aber ehrlich gesagt ist das ja genau das Merkmal von Mobbing. Mobbing ist unterschwellig, hinterfotzig, unsichtbar aber sehr schmerzhaft. Insofern kann man zustimmen, wenn sich die Schule als Vorbereitung auf das Leben betrachtet....

Für mich ist klar, dass ein Ausstieg aus der "Schulkultur" nur ein Aufstieg sein kann.

Nein ernsthaft, zu was genau wollen wir unsere Kinder in der Schule ausbilden und sozialisieren? Dass das Verlieren schon beim 5einhalber (oder für die Deutschen: bei 1-) anfängt? Dass der eigene Wert immer an anderen gemessen wird? Dass vorankommt, wer gehorcht? Dass man als Kind auf das Leben "vorbereitet" werden muss und somit eigentlich noch nicht lebt? Das mir andere sagen müssen, wann ich was machen darf (inklusive aufs Klo-gehen)? Dass Konkurrenz die Art von Beziehung ist, die ich zu meinen Mitmenschen haben soll?

Ich halte die Sozialisierung von Kinder durch Kindern für einen modernen Mythos. Kinder in grösseren Gruppen (so ab 3 Kindern...) tendieren dazu zu eskalieren. Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich, da jeder der kleinen Menschen eine andere, eigene Idee hat, was jetzt zu tun wäre. Erwachsene gegenüber Kindergruppen (also Lehrer gegenüber Klassen) haben mehr etwas von Dompteuren (im guten Fall) oder Diktatoren (im schlechten Fall), denn 25 Kinder zu einem einheitlichen Tun zu überzeugen/überlisten ist wirklich keine einfache Sache und schon bei "vernünftigen" Erwachsenen eine Kunst.

Für mich ist es ganz klar, dass altersdurchmischte Gruppen der Sozialisierung eines Kindes viel mehr helfen, als die Orientierung an Gleichaltrigen. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn Füchschen seine Freunde trifft und mit ihnen spielt. Aber ich finde die Konkurrenzsituation, in die sie in der Schule gebracht werden, unnötig. Auch als Freilerner kann er seine Freunde treffen (sofern diese Zeit haben und nicht endlos Hausaufgaben machen müssen) und sie werden ihre guten und schlechten Tage haben, aber sie werden ihre Beziehungen nicht wegen Noten, Leistungen, etc. belasten müssen.

Ausserdem möchte ich ihm die Möglichkeit bieten, herauszufinden, was er wirklich gerne macht. Und dazu braucht es Zeit und Musse und eine grosse Prise Langeweile. Im hektischen Alltag von Schule und organisierter Freizeit bleibt kaum Zeit dazu. Im Freilerner-Alltag erhoffe ich mir Lücken, in denen Kreativität und Interesse entstehen kann, ohne dass sie von Erwachsenen verordnet ist.

 

PS:

Wenn Füchschens Freunde von der Idee hören, dass er nicht mehr in die Schule gehen wird, dann sage sie spontan:"Aber dann kannst du ja gar nicht mehr abmachen!" Dann fragt Füchsen das Kind, ob es seit Neustem in der Schule wohnt....

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