Ein Silberstreif am Horizont

Autor: Wüstenfuchs

Wenn ein Thema immer wieder im Leben auftaucht, dann wird es erfahrungsgemäss auch irgendwann „ein Thema“ im Leben.

So geht es mir nun schon seit gut zwei Jahren mit dem Thema Homeschooling. Kein Zufall ist der Zeitpunkt, ab dem ich mich dafür zu interessieren begann: vor zwei Jahren wurde das Füchschen eingeschult und seit dem hat die Qual kein Ende.

 

Eigentlich beginnt diese Geschichte schon viel früher. Schon im Kindergarten begann die symptomatische Gleichmacherei, die dem Schulsystem von Natur aus innewohnt. Weil Füchschen nicht schön schrieb, empfahl mir die Kindergärtnerin den damals 4jährigen abklären zu lassen und in die Psychomotorik zu schicken. Der Clou an der ganzen Geschichte war, dass Füchschen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht schrieb! Der sonst sehr geschickte und sportliche Junge, malte krakeklig und das fiel der aufmerksamen Kindergärtnerin sofort als Defizit ins Auge. Und damit waren wir schon beim Leit(d)thema der institutionalisierten Erziehung: Defizit. Das Wort „Defizit“ wird einem sozusagen als Kennung beim Eintritt ins Schulsystem ans Rever geheftet. Von nun an wird fieberhaft nach möglichen Defiziten bei den kleinen Menschen gesucht.

 

Woran das liegt, kann ich nur mutmassen. Hat es zu viele Speziallehrer, die alle eine Beschäftigung brauchen? Hat der Förderwahn der heutigen Zeit schon solche Ausmasse angenommen, dass nur Hochbegabung nicht als Defizit gilt? Ist es in unserer hochindividualisierten Welt den Kindern nicht erlaubt ebenfalls Individuen zu sein und zu bleiben?

Von alledem ….und zwar reichlich.

 

Bei der ersten Aufforderung unser Kind beim Spezialunterricht anzumelden, war ich noch wie vor den Kopf geschlagen. Ich hatte den Kleinen immer als aufgeweckt, normal und stark empfunden. Das mit ihm etwas nicht stimmen könnte, wäre mir im Traum nicht eingefallen. Im ersten Moment, als mich die Kindergärtnerin ansprach, war ich überzeugt, sie verwechsle mich mit jemand anderen. So absurd schien mir ihr Ansinnen.

Als ich aber dann einsehen musste, dass sie mich und Füchschen meinte, begann ich zu erkennen, dass hier erst der Anfang war vom Irrsinn, der sich Früherkennung, Frühförderung und Frühselektionierung nennt.

 

Seit den ersten Wochen der ersten Klasse liegt mir nun auch die Lehrerin in den Ohren, das Kind müsse abgeklärt werden. Warum? Da kann ich den Finger eigentlich auch nicht genau drauflegen. Einerseits weil er zu langsam ist und leicht ablenkbar, andererseits weil er am Anfang oft gefragt hat, ob die Lehrerin nicht mich anrufen könne und er früher nach hause gehen dürfe. Weil er oft weint und sich ungerecht behandelt fühlt. Weil er nicht ordentlich ist und Dinge und Aufträge vergisst…. Die einen nennen das „vielleicht AD(H)S“, ich nenne das 7 Jahre und gequält vom Stillsitzen und Dinge lernen, die nicht seinen Interessen entsprechen.

Nach einem Jahr Drängen und schlechten Zensuren (für das Kind oder die unkooperative Mutter?!) zum Ende des ersten Jahres, gab ich nach und ging mit Füchschen zur örtlichen Erziehungsberatung. Ich erspare euch die Details, die wahrhaftig langweilig sind, und fasse die Sache zusammen: nach vier Monaten und ebenso vielen Sitzungen mit dem Kind und einer ohne ihn ist noch nichts Verwertbares herausgekommen, ausser dass das Kind normal begabt ist. Immerhin.

Den grössten Stress an dieser Abklärung hat mir nicht die blosse Tatsache gemacht, dass mit meinem Kind irgendetwas nicht stimmen soll, sondern, dass ich als Erziehende eigentlich keine Stimmgewalt habe. Das drückt sich darin aus, dass „Fachberichte“ der Speziallehrer nur zur Psychologin der Erziehungsberatung geschickt werden und nicht an uns Eltern, dass mir, bei einer Diskussion über die Noten, geradeheraus erklärt wird, dass ich dazu sowieso nichts zu sagen habe, sondern nur meine Kenntnisnahme gefragt sei. Ueberhaupt dass Elternsein und mit einem Kind zusammen leben dich nicht automatisch zum intimen Kenner, sprich Fachmann /-frau, für eben dieses Kind macht. Mir wurde durchweg das Gefühl gegeben, dass meine Meinung und Vorstellung wie mein Kind erzogen werden solle nicht gefragt sei. Im Gegenteil wurde von mir erwartet, dass ich mich und meine Erziehung an den Stil der Lehrinstitution anpasse.

 

Und genau hier wird bei mir ein Knopf gedrückt, der mich zum Widerstand auffordert. Ich war schon immer ein ausgeprägter Individualist und mein eigener Lebenslauf zeugt mit einer Patchwork-Biographie von dieser Lust zum Widerspruch.

Ich habe für mich selber schon früh das Recht eingefordert, diejenige zu sein, die ich sein wollte. Wie kann ich da meinem Kind dieser Gleichmachungsmaschine „Schule“ aussetzen? Ich selber war anpassungsfähiger als er es jetzt ist, aber ich bewundere ihn für seine „Sturheit“. Ich selber wollte gefallen: meiner Lehrerin, meinen Eltern und wer da noch alles war. Einerseits ist das der einfachere Weg, da einem das Lob der Autoritäten gewiss ist, aber andererseits ist es garantiert nicht der Weg zum eigenen Glück. Und was ist wichtiger: sich auf dem Weg zum eigenen Glück zu befinden oder den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen und sich an die Forderungen der Umwelt anzupassen? Ich habe später meistens ersteres gewählt.

 

Und jetzt taucht da am Horizont das Thema „Homeschooling“ auf.

Meine erste Reaktion war wie sie wahrscheinlich bei den meisten Menschen auftritt, die zum ersten Mal mit diesem Thema konfrontiert werden: ich reagierte mit Vorurteilen. Wie „sozialisiert“ sich ein Kind im Homeschooling? Und können Eltern das überhaupt, wenn sie nicht Lehrer sind? Ist das überhaupt erlaubt?

Alle diese Fragen haben ihre Berechtigung, aber sie stehen auch für ein Dogma der heutigen Zeit.

 

Man nimmt automatisch an, dass Kinder „richtigerweise“ in Gruppen von Gleichaltrigen (sprich „Klassenverbänden“) sozialisiert werden. Wenn man aber mal genauer darüber nachdenkt, dann wird einem klar, dass dieses Schulsystem ja erst knappe 200 Jahre in dieser Form besteht. Und davor? Davor lehrten und lebten Kinder aller Altersstufen mit ihren Eltern und Verwandten und lernten von ihnen alles Lebensnotwendige. Die Sozialisierung findet beim Menschen (wie beim Affen) also natürlicherweise in Altersdurchmischten Gruppen statt. Das kann Homeschooling bieten.

 

Die Frage, ob Eltern das überhaupt ohne Lehrerpatent können, ist symptomatisch für unsere hochspezialisierte Gesellschaft der Fachpersonen. Diese Frage geht davon aus, das Lernen ein hochkomplexer Vorgang ist, der nicht natürlichweise stattfindet, sondern von Fachleuten initiiert und unterhalten werden muss. Das Gegenteil ist der Fall und jeder kennt es. Alles, was uns wirklich interessiert, lernen wir in Windeseile und mit Ausdauer. Alles, was uns nicht interessiert, kann man uns 20 Mal erklären und es geht wie der Wind zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus. Da können wir 7, 37 oder 77 sein. Mit 37 hat man vielleicht seinen Frust bei langweiligen Themen besser im Griff und kann den Ehrgeiz über die Lust stellen, aber anders ist es nicht. Und so sage ich mir, dass ich gerne ein „Potentialentfaltungs-Coach“ für mein Kind wäre, das von sich aus gerne Neues lernt. Da ich ja auch schon vieles gelernt habe, ist es wahrscheinlich dass ich Begeisterung für ein Thema bei meinem Kind erkennen kann.

 

Und die Frage danach, ob Homeschooling erlaubt ist, steht auch für unsere Autoritätsgläubigkeit. Wie die braven Kinder fragen wir Vater Staat, ob wir (bittebitte) ein bischen Homeschooling machen dürfen. Wenn es uns ernst wäre mit unseren Ueberzeugungen, würden wir dafür kämpfen und unsere Vision des Lebens, wie wir es leben wollen, versuchen zu verwirklichen.

 

Das alles bringt mich zu der tiefen inneren Ueberzeugung, dass ich das Abenteuer Homeschooling wagen möchte, um mir und meinem Sohn die beste Zeit unseres Lebens zu ermöglichen!

Dafür nehme ich sogar die Chance zu Scheitern in Kauf, denn selbst wenn wir scheitern würden, bin ich mir sicher, dass wir eine gute Zeit gehabt haben.

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Kommentare: 2
  • #1

    Vogi (Freitag, 12 Oktober 2012 21:58)

    Hei Thea, ich fühle genau was du schreibst. Unsere Tochter wurde als Hichbegabt eingestuft und mit Ritalin "ruhigstellt". Den Uebertritt in die Sekundarschule hat sie ganz knapp geschaft und die Medis sind im Kühlschrank vergammelt. Der Kampf gegen die Behörden und Lehrer sind happig. Das kann ich aus Erfahrung sagen. Es lohnt sich aber alleweil. Ich weiß nicht ob du mit Homeschooling nicht den einfachsten Weg gehen willst!? Da musst du gegen niemanden mehr ankämpfen. Füchschen räumst du auch gleich alle Steine aus dem Weg! Ich begreife deine Ansicht würde aber nochmal drüber schlafen. Ein Schuljahr geht so schnell vorbei und schon kommt der nächste Lehrer.... Wir haben unsere Tochter immer als "normal" angesehen und behandelt. Bei Problemen(es gab etliche) sind wir hinter Ihr gestanden und wenn die Schrift unleserlich war hat sie das selber rechtfertigen müssen. Ich glaube du tust deinem Kind keinen Gefallen, wenn du es von den Lehrern isolieren willst. Das Leben ist voller Stolpersteine. Leider kann ich mich nicht so gewählt ausdrücken wie du. Ich wünsche Euch viel Kraft und bin sicher Ihr werdet die richtige Lösung für EUCH finden. Liebe Grüße

  • #2

    freilerner (Montag, 15 Oktober 2012 14:41)

    Hallo lieber Vogi,
    ich verstehe deine Ueberlegungen sehr gut und genau die gleichen Ueberlegungen sind mir in den letzten drei Jahre auch durch den Kopf gegangen.
    Ich denke, dass Homeschooling sicher nicht der "leichteste" Weg ist, sondern viel Engagement und Einsatz braucht. Aber ich denke, dass du nicht das damit gemeint hast, sonder eher, dass man den Konflikten aus dem Weg geht, anstatt sich ihnen zu stellen.
    Ich sehe das so: Wenn man lernen will mit Konflikten umzugehen, dann muss man nichts anderes tun, als zu leben. Oder begegnest du in deinem Leben keinen Schwierigkeiten und Problemen? Wohl kaum. So geht es auch einem Freilerner. Im Gegenteil: ein Freilerner (und seine Eltern) müssen sich die Inhalte und Herausforderungen selber suchen (und werden von ihnen gesucht in Form der Schulbehörde). Also genug Schwierigkeiten, mit denen man lernen kann umzugehen.
    Für mich ist eine andere Frage viel grundlegender: soll ich zulassen, dass meinem Kind nach nur einem Jahr die Freude am Lernen vergällt wurde? Soll ich zulassen, dass er jeden Schultag hasst und sich am Morgen verzweifelt wehrt in den Ferien aber in Null-komma-Nix im 100er-Bereich rechnen gelernt hat. Freiwillig und ohne Zwang? Oder um deutlicher zu werden: will ich, dass mein Kind lernt, dass Anpassung und Zwang das Leben bestimmen? ICH will das nicht für mich und widersetze mich, wo ich kann. Und ich will das auch nicht für mein Kind. Aber innerhalb dieses Schulsystems - wie gut und menschlich integer der Lehrer auch sein mag - gibt es dafür keine Chance. Schule brauchen Stundenpläne, Schulglocken, festgelegte Zeiten für Mathe und Deutsch, etc. um funktionieren zu können. Sie müssen auf Arbeitszeiten der Eltern Rücksichtnehmen und fangen deswegen zu Tageszeiten an, die Kinder immer noch als "Nacht" bezeichnen würden. Individuelle Förderung ist nur sehr beschränkt möglich, da der Lehrer neben dem einen, dem er sich im Moment zuwendet noch 15 andere "zähmen" muss.
    Für mich ist klar, dass für Füchschen dieses System nicht funktiniert und wir den Versuch wagen sollten. Zurück kann er ja immer. Die müssen ihn nehmen. Im "schlimmsten Fall" verlieren wir ein Jahr....